Das Erbe der Kinder

Am 30. September 2025 trafen sich erstmals Vertreter und Vertreterinnen deutscher und französischer UNESCO-Weltdokumentenerbe-Stätten zu einem Vernetzungstreffen im Saarbrücker Stadtarchiv. Die Kinderzeichnungen dieser Institutionen sollen hier näher vorgestellt werden.

Der 10. April 2025 war für das kulturelle Erbe der Stadt Saarbrücken ein großer Tag: Das im Stadtarchiv aufbewahrte „Saarbrücker Danke-Buch“ wurde zusammen mit 16 weiteren europäischen Zeichnungskonvoluten von Kindern, die während der Jahre des Ersten Weltkrieges bis in die frühe Nachkriegszeit (1914 bis 1950) entstanden, zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erhoben.

Damit steht das kleine Saarbrücker „Danke-Büchlein“ prinzipiell auf gleicher Bedeutungsebene wie das benachbarte „Weltkulturerbe Völklinger Hütte“. Geschrieben und illustriert hatten 57 Schülerinnen der fünften und sechsten Klasse der einstigen Cecilienschule, einer Mädchenmittelschule, das Buch im Jahr 1946 als Dank für die Lebensmittelspenden aus Irland und der Schweiz.

Während das „Weltkulturerbe Völklinger Hütte“ bereits 30 Jahre Zeit hatte, „weltberühmt“ zu werden, ist dies für das Saarbrücker Danke-Buch und die 16 anderen ausgezeichneten Kinderzeitzeugnisse noch ein weiter Weg.

Stadtarchiv Ort des ersten deutsch-französischen Vernetzungstreffens

Um diese wertvollen historischen Dokumente aus Kinderhand einer breiteren Öffentlichkeit bekannter zu machen und um sich untereinander zu vernetzen, trafen sich am 30. September 2025 erstmals Vertreter und Vertreterinnen deutscher und französischer Institutionen zu einem Gedankenaustausch im Saarbrücker Stadtarchiv. Organisiert wurde die Zusammenkunft gemeinsam mit IRAND (International Research and Archives Network "Historical Child Art") von Frau Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender und Herrn Prof. Dr. Kunibert Bering sowie Kristell Gilbert aus Rouen. Große Einigkeit bestand darüber, dass ein kontinuierlicher Austausch und im Besonderen das Kennenlernen der jeweils anderen Sammlungen unbedingt notwendig sind.

Mehr als nur Kinderzeichnungen

Um das Saarbrücker „Danke-Buch“ als UNESCO-Weltdokumentenerbe und seine überregionale historische Bedeutung besser in den Kontext der anderen 16 Sammlungen von Kinderzeichnungen einordnen zu können, sollen die Sammlungen der anderen an dem Treffen beteiligten Archive, drei aus Frankreich und vier aus Deutschland, im Folgenden etwas näher vorgestellt werden. Das Saarbrücker „Danke-Buch“ wurde an dieser Stelle ja bereits ausführlich beschrieben.

Sammlung Adrienne Jouclard im Museé National de l‘Éducation in Rouen

Pariser Schülerinnen zeichnen die Schrecken der deutschen Besetzung

Die Pariser Lehrerin und Künstlerin Adrienne Jouclard (1882-1972) hat insgesamt 297 Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zusammengetragen. Sie unterrichtete bis zu ihrer Rente 1941 unter anderem an einem Berufskolleg für Schneiderinnen und Modistinnen in Paris, für die gutes Zeichnen eine Grundvoraussetzung war. So beschloss sie beispielsweise zusammen mit ihren 14- bis 16-jährigen Schülerinnen die Schrecken der deutschen Besetzung von Paris (22. Juni 1940 bis 24. August 1944) und deren Auswirkungen für die Zivilbevölkerung zeichnerisch festzuhalten. Diese Schulzeichnungen, ausgeführt in hoher Qualität, spiegeln Szenen aus dem Luftschutzbunker, die Lebensmittelknappheit, den Hunger und die Sorgen der Kinder und ihrer Eltern wider. Sie zeigen beispielsweise die Mobilmachung oder den Exodus aus Paris von Mai bis September 1940 im Zuge der deutschen Bedrohung.

Collection Le Vieux Montmartre, Musée de Montmartre, Paris

Jungenzeichnungen zum Ersten Weltkrieg (1914-1918)

Ebenso aus Paris stammt das Konvolut der Zeichnungen zweier Jungenschulen des Viertels Montmartre, ein Arbeiter- und Künstlerviertel, das seit 1860 zur Stadt Paris gehörte.

Die teilweise ebenfalls höchst qualitätvollen Zeichnungen (unterrichtet wurden die Jungen von professionellen Zeichenlehrern oder Künstlern) schildern das Eindringen des Krieges in den Alltag der Kinder: die zunehmenden Todesnachrichten, die Ankunft der Verwundeten, die Kriegsversehrten im Stadtbild, die Veränderung des Familienlebens durch die Abwesenheit des Vaters, die berufstätige Mutter, die wachsende Not mit der Lebensmittelversorgung, Leichen auf dem Bürgersteig nach der Zerstörung durch die Bombardierungen von Paris – ein einzigartiges Dokument auch für die Stadtgeschichte von Paris.

Collection Sabine Zlatin, Bibliothèque nationale de France, Paris

Zeichnungen jüdischer Kinder aus dem Maison d’Izieu

Das Maison d’Izieu, ein rund 80 Kilometer von Lyon entfernt gelegenes Hofgut, war von April 1943 bis April 1944 ein Kinderheim der OSE (Œuvre de secours aux enfants), einem der bedeutendsten Hilfswerke für Kinder in Not. Es bot in diesem Zeitraum insgesamt mehr als hundert jüdischen Kindern aus europäischen Ländern auf ihrer Flucht eine Zwischenstation, Unterkunft und eine liebevolle Betreuung. Sabine Zlatin, die das Haus leitete, war Kunsthistorikerin, Künstlerin und Rot-Kreuz-Schwester. In dem idyllisch auf einer Berghöhe über dem Rhonetal gelegenen Haus beschäftigte sie die Kinder mit vielen kulturellen Aktivitäten, so auch mit Malen und Zeichnen.

Die erhaltenen Zeichnungen der Kinder von Izieu zeigen hauptsächlich Szenen aus der Natur, aus Märchen und der Kinderliteratur. Vielfach handelt es sich um Comics und Abenteuergeschichten. Gerne werden Motive aus den gängigen Kinderbüchern nachgezeichnet wie aus „Klapp und der Storch“ („Jacques le poucet et Klapp la cigogne au pays de Francoise“, 1930) oder das Manöver eines Doppeldeckers in den Bergen aus dem Buch von Marcel Jeanjean, „L'Aviation. Album publie sous le patronage de l'aeroclub de France“, erschienen in Paris 1938.

Dieses Phänomen, eine vergangene „heile Welt“ darzustellen, lässt sich beispielsweise auch bei den meisten der etwa 15.000 erhaltenen Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt erkennen. Obwohl die Kinder aus ihrem bisherigen Umfeld herausgerissen und mit Trennung, Schmerz und Bedrohung leben mussten, bewahren sie sich in ihren Bildern Erinnerung und Hoffnung. Von den meist grauenhaften Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, zeigen die Bilder nichts.

Nach einer Razzia am 6. April 1944, durchgeführt von Klaus Barbie, dem berüchtigten „Schlächter von Lyon“, wurden 44 der Kinder und Jugendlichen im Alter von vier bis siebzehn Jahren sowie sieben Betreuungspersonen auf Lastwagen verladen und über Drancy nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Erst 1987, im Zuge des Prozesses gegen Klaus Barbie, wurde man auf das Haus und „seine Kinder“ wieder aufmerksam. Sabine Zlatin, die nach der Razzia die Bilder der Kinder retten konnte, übergab einen Teil dieser Zeichnungen 1993 der Bibliothèque nationale de France. Das „Haus von Izieu“ wurde im Jahr 2000 zur „Gedenkstätte der ermordeten jüdischen Kinder“. Bereits 1994 widmete Reinhard Mey den Kindern von Izieu in seinem Album „Immer weiter“ eins seiner Chansons (Lied auf der Seite von Reinhard Mey).

Institut für Personengeschichte Bensheim

Kriegszeichnungen des elfjährigen Ernst Hopp aus der Zeit der Ersten Weltkriegs

Das Institut für Personengeschichte in Bensheim verwahrt ein Konvolut von Zeichnungen des elfjährigen Ernst Hopp aus Windsbach im Landkreis Ansbach in Mittelfranken, auf denen er sich mit den Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges auseinandersetzt. Seine Zeichnungen widmete er seinem Lehrer, dem Pfarrer Egon Langheinrich.

Sie zeigen Märsche, Kampfhandlungen, Lazarettszenen bis hin zu Soldatengräbern. Sie machen deutlich, wie sehr Ernst Hopp die Ideologie des Kaiserreiches – Kampf, Sieg, Heldentod – verinnerlicht hatte. Interessant ist, wie gut er über die Kriegshandlungen informiert war, denn hautnah erlebt hat er davon nichts. Luftschiffe, Flugzeuge im Einsatz werden akribisch dargestellt.

Feldpostkarten und das 1915 erschienene weit verbreitete Buch von Sven Hedin, „Ein Volk in Waffen“, dienten ihm vermutlich als Inspiration. Auch Darstellungen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 wie die Gemälde und Zeichnungen des Saarbrücker Schlachtenmalers Carl Röchling könnten ihm als Vorlagen gedient haben.

Sammlung des Museums Elbinsel Wilhelmsburg (Hamburg)

„Schule und Krieg“ – Schülerzeichnungen zu Kampfhandlungen während des Ersten Weltkriegs

Ebenfalls Zeichnungen unterschiedlichster Kampfhandlungen während des Ersten Weltkriegs umfasst das Konvolut des Museums Elbinsel Wilhelmsburg (Hamburg), das man im Jahr 2012 auf dessen Speicher entdeckte. Die Bilder entstanden in den beiden ersten Kriegsjahren, 1914-1915, während des Zeichenunterrichts an einer der dortigen Volksschulen. Es wird vermutet, dass die Klassen, deren Kinder zwischen zehn und 14 Jahre alt waren, an dem deutschlandweiten Wettbewerb „Schule und Krieg“, der von dem „Zentralinstitut Erziehung und Unterricht in Berlin“ angeregt wurde, teilnahmen. Die Aufgabenstellung umfasste die Themen Landkrieg, Luftkrieg, Seekrieg und Lazarett.

Auch die Kinder der Elbinsel kamen selbst mit den Kampfhandlungen nicht in Berührung, und auch hier dienten bekannte Propaganda-Postkarten, -Publikationen, Zeitungsberichte oder Feldpostbriefe als Ideengeber.

Besonderes Interesse weckte bei den Hamburger Kindern der Seekrieg, da man sich ja einerseits am Meer befand, dieser andererseits durch die neue U-Boot Kriegstaktik eine spektakuläre Dimension erreichte. Das gleiche gilt für den erstmals geführten Luftkrieg. So greifen die Darstellungen beispielsweise den Angriff auf den Luftschiffstützpunkt in Cuxhaven im Jahr 1914 auf oder die Versenkung des britischen Passagierschiffes Lusitania am 7. Mai 1915, bei der 1200 Menschen den Tod fanden.

Die Sammlung des Volksschullehrers Wilhelm Daiber, Schulmuseum Nürnberg

Traumata des Krieges überwinden - Ein Beispiel der Reformpädagogik 

Eine ganz außergewöhnliche Sammlung von rund 4500 Zeichnungen aus dem Unterricht des Volksschullehrers und deutschlandweit renommierten Reform- und Kunstpädagogen Wilhelm Daiber (1888-1972) wird im Schulmuseum Nürnberg aufbewahrt. Sie stellt ein äußerst bedeutendes Zeugnis der gesellschaftlichen Umbruchsjahre nach dem Ersten Weltkrieg dar.

Die Zeichnungen stammen von Schülern und Schülerinnen aus dem Arbeitermilieu einer Volksschule des kleinen Städtchens Stein bei Nürnberg. Die Besonderheit liegt darin, dass Daiber mit seinem Kunstunterricht in der vierten Klasse im Jahr 1924 begann und diesen mit denselben Kindern kontinuierlich bis zur Schulentlassung 1929 fortsetzen konnte.

Mit seinem Projekt wollte Daiber die durch den Krieg teilweise traumatisierten Kinder durch ein von ihm entwickeltes kunsttherapeutisches Konzept seelisch und körperlich stärken. Daiber ließ die Kinder ihre Bilder frei gestalten und engte ihre geistig schöpferische Gestaltungskraft in keiner Weise ein. Hierbei wie durch seine Themenwahl brach er mit den tradierten Erziehungsinhalten des Kaiserreiches.

Es finden sich in der Sammlung folgerichtig keinerlei Zeichnungen, die sich mit Ängsten oder Nöten der Kinder auseinandersetzen. Es handelt sich überwiegend um idyllische, fast therapeutisch wirkende Sujets. Sein Ziel war es, die Beobachtungsgabe der Kinder für die Schönheit ihrer Umgebung und der Natur zu wecken und zu fördern und so positive innere Bilder entstehen zu lassen.

Die Technik des Zeichnens und das genaue Beobachten, weg von dem exakten Abzeichnen von der Tafel, wie es allgemein üblich war, war Daiber dabei besonders wichtig und führte zu subtilen und teilweise poetischen Ergebnissen. Themenbereiche sind der Alltag der Kinder, Wegkreuzungen, Berge, Burgen, Bäume, Wald, Wiesen und Märchen.

Die Sammlung Julo Levin im Stadtmuseum Düsseldorf

Eine einzigartige Hinterlassenschaft jüdischer Kinder aus der Nazizeit

Das Stadtmuseum in Düsseldorf bewahrt ein einzigartiges Konvolut von rund 1900 Zeichnungen jüdischer Kinder, welches der Maler und spätere Zeichenlehrer Julo Levin in den 1930er Jahren hauptsächlich während seiner Lehrertätigkeit überwiegend in Düsseldorf und später in Berlin zusammengetragen hat.

Levin (1901-1943) hatte an der Kunstgewerbeschule in Essen sowie den Akademien in München und Düsseldorf studiert. Er gehörte den Künstlervereinigungen „Rheinische Sezession“ und „Junges Rheinland“ an. Nach dem Berufsverbot 1938 durch die Nationalsozialisten und dem Ausschluss aus der Reichskammer für Bildende Künstler unterrichte er an verschiedenen jüdischen Schulen, so unter anderem an der neugegründeten privaten jüdischen Volksschule in Düsseldorf. Vor seiner Deportation nach Auschwitz, wo er 1943 ermordet wurde, vertraute er seine umfangreiche Sammlung Mieke Monjau, der Ehefrau eines Künstlerfreundes, an.

Sein Kunstunterricht war ebenfalls von reformpädagogischen Ansätzen geprägt. Aus kunstpädagogischem Interesse heraus hatte er schon zuvor begonnen, Kinderbilder zu sammeln. Die von ihm zusammengetragenen Zeichnungen, sind jedoch vor allem eine einzigartige Hinter­lassenschaft jüdischer Schüler und Schülerinnen aus der Zeit des Nationalsozialismus, ein Erbe von Kindern, die sonst nichts hinterlassen konnten, deren Namen wir zum Teil noch nicht einmal kennen!

Dominiert werden die Zeichnungen der Sammlung von allgemeinen Themenstellungen wie Natur, Umwelt, Menschen, Märchen, Mythologie, Abenteuer, Spielen, Arbeitswelt und Religion. Nur vereinzelt nehmen die Zeichnungen Bezug auf die politischen Ereignisse, auf Ausgrenzung, Auswanderung, Abschied oder die Ankunft in Amerika.

Abschied — so lautet beispielsweise der Titel einer Zeichnung aus dem Jahr 1937, mit Bleistift geschrieben in kindlicher Schrift, oben links über ein Schiff gesetzt: Eine Familie steht mit großem Gepäck am Kai, kurz vor dem Ablegen des Dampfers, der sie in Sicherheit bringen wird. Zwei Frauen umarmen sich zum Abschied, andere winken. Das Traurige der Situation wird durch das einheitliche Grau des Hintergrundes deutlich.

Eines der Ziele der Düsseldorfer Schule war die „Hachschara“, die systematische Vorbereitung der Kinder auf die „Alija“, auf ihre Ausreise und ihre neue Lebenswelt, auf das Leben in einem für sie fremden Land Palästina. Geografische Kenntnisse wurden vermittelt, die hebräische Sprache und der jüdische Glaube.

Und auch das unendliche Leiden des jüdischen Volkes findet Ausdruck in den Zeichnungen der Sammlung, wie in dem Bild der fünfzehnjährigen Ilse Marx und ihrer faszinierenden expressionistischen Darstellung des leidenden Hiob. Warum duldet Gott, dass den Menschen so viel Böses widerfährt? Diese Frage kann kaum deutlicher gestellt und ausgedrückt werden, als in Ilses Zeichnung. Diese könnte gar der 1945 geschaffenen Bronze des kroatischen Künstlers Ivan Meštrović als Vorlage für seine Hiob gedient haben (Syracuse University, New York).

Tiefe Einblicke in die Lebenswelt der Kinder

All die hier vorgestellten Zeichnungen wie auch die Sammlungen der neun anderen Institutionen aus der Schweiz, aus Großbritannien, Spanien, Polen, Tschechien und Kanada gewähren tiefe Einblicke in die Lebenswelt der Kinder. Sie spiegeln soziale Veränderungen und kulturelle Wendepunkte der Geschichte. Sie beschreiben Schlüsselerlebnisse aus Kriegszeiten und deren Folgen, authentisch, bunt, auf Papier. Sie zeigen uns, wie Kinder ihre Welt erlebten. Sie öffnen uns ein Fenster in die Vergangenheit. Oft sind ihre Bilder die einzigen Spuren, die von ihnen geblieben sind, insbesondere von jenen Kindern, die dem Krieg und dem Holocaust zum Opfer fielen.

All diese Kinderzeichnungen leisten einen unwiederbringlichen, wertvollen Beitrag für unser kulturelles Gedächtnis und bilden eine wertvolle Überlieferung für künftige Generationen. Umso bedeutender ist ihre weltweite Anerkennung durch die UNESCO. (RB)