Als der FCS sich zurückkämpfte – der Bundesliga-Aufstieg im Juni 1976

5. Juni 1976, Ludwigsparkstadion: Als der Schlusspfiff ertönt, gibt es kein Halten mehr. Spieler fallen sich in die Arme, Fans johlen auf den Rängen. Nach zwölf Jahren ist der 1. FC Saarbrücken zurück in der Bundesliga. Dieser Moment markiert das Ende eines langen, steinigen Weges.

Der lange Weg zurück

Als Bundesliga-Gründungsmitglied in der Saison 1963/64 gestartet, folgte für den Verein unmittelbar der erste Rückschlag: der direkte Abstieg in die Regionalliga Südwest. In den Jahrzehnten danach scheiterte der FCS immer wieder an der Rückkehr ins Fußballoberhaus – ausgebremst von sportlichen Krisen und wirtschaftlichen Problemen.

Mit der Einführung der 2. Bundesliga im Jahr 1974 eröffnete sich eine neue Perspektive. Doch der Weg dorthin führte nicht nur über Punkte und Tore. Neben Saarbrücken bewarb sich auch der SV Alsenborn – sportlich gesehen mit drei Meisterschaften der stärkere Kandidat – um einen Startplatz in der neuen Liga. Die Entscheidung fiel daher zunächst auch mit 3:2 Stimmen gegen den FCS aus.

Doch Saarbrücken gab sich nicht geschlagen. Der Verein legte Einspruch ein – und bekam Recht. In der nächsten Instanz wurden Infrastruktur, Stadion, Zuschauerpotenzial und wirtschaftliche Stabilität stärker gewichtet. Mit 6:2 Stimmen fiel die Entscheidung nun zugunsten des FCS aus. Am 19. Juli 1974 bestätigte das DFB-Bundesgericht endgültig: Saarbrücken ist Teil der neuen 2. Bundesliga Süd. Der Grundstein für eine neue sportliche Ära war gelegt.

„Ich wußte ja, daß du einen in die Kiste kriegst“

Zwei Jahre später wurde es ernst: Der FCS hatte sich an die Spitze der 2. Bundesliga Süd gekämpft. Nur noch wenige Punkte trennten die Mannschaft vom Aufstieg. Am 36. Spieltag, dem 29. Mai 1976, trat der FCS beim SSV Reutlingen 05 an. Trotz dieser mehr als entscheidenden Saisonphase wirkte die Mannschaft über weite Strecken müde, beinahe gehemmt vom Druck.

Stürmer Werner Greth musste angeschlagen zur Pause ausgewechselt werden, auch sein Sturmpartner Peter Schmidt fand kaum Wege vors gegnerische Tor. Lange deutete alles auf einen Rückschlag hin. Bis zur 83. Minute: Der 19 Jahre alte Wolfgang Scherer, der zuvor verletzungsbedingt einige Wochen ausgefallen war, versenkte den Ball im Reutlinger Tor – und löste die Anspannung mit einem Schlag.

Dabei war sein Einsatz in diesem Spiel alles andere als geplant. Trainer Slobodan Cendic hatte Scherer kurzfristig nominiert. So kurzfristig, dass dieser nicht mit dem Mannschaftsbus angereist kam, sondern mit einem Privatwagen nachkommen musste. Durch den Ausfall wichtiger Spieler war Cendic in seiner Aufstellung ohnehin deutlich eingeschränkt.

Als er hörte, dass Scherer – der gerade seinen Wehrdienst bei den Roten Jägern in Lebach ableistete – bei einem Spiel der Bundeswehr einige Tage zuvor drei Tore geschossen hatte, setzte er alles auf seinen bewährten „Joker“. Schon am 10. Spieltag hatte Scherer diese Rolle ausgefüllt. Beim Spiel gegen den Tabellenletzten SpVgg Fürth entschied seine späte Einwechslung die Partie, indem er in der 84. Minute den Siegestreffer für die Saar-Elf schoss.

Erneut war es Scherer, der das Blatt gewendet hatte. Die Saarbrücker Zeitung schrieb über den erlösenden Moment des Abpfiffs: „Die Freude stand beim Schlußpfiff allen ins Gesicht geschrieben, aber auch die vorhergegangene nervenaufreibende und kräftezehrende Partie. Während Torwart Ferner den Torschützen jubelnd umarmte und ihn mit den Worten ‚Ich wußte ja, daß du einen in die Kiste kriegst‘ in die Höhe hob, stöhnte Mittelfeldspieler Ludwig Denz: ‚Ich bin froh, wenn die Saison vorbei und alles glatt gelaufen ist. Ein Sieg noch gegen Kreuznach und wir sind erlöst.‘“

Die Ausgangslage war klar: noch ein Sieg bis zum Aufstieg. Doch nach den Offensivproblemen der Wochen zuvor blieb eine Restunsicherheit – würde die Mannschaft diesem Druck standhalten?

„Mir han’s geschaffd“

Am 5. Juni kam es zum alles entscheidenden Spiel gegen die Eintracht Kreuznach. Vor heimischer Kulisse ließ die Mannschaft diesmal keinen Zweifel aufkommen. Mit dem Führungstor von Felix Magath begann sich die Anspannung einer ganzen Saison zu lösen. Heinz Traser legte einige Minuten später nach, Husnija Fazlić sorgte in der 65. Minute für die endgültige Entscheidung. Mit dem Schlusspfiff brachen alle Dämme. Spieler und Fans feierten gemeinsam: Der FCS war zurück.

Wenige Tage später, am 14. Juni, wurde der Aufstieg mit einem Empfang im Rathaus St. Johann auch offiziell gefeiert. In einem Korso aus 20 offenen Wagen ging es vom Ludwigspark durch die Stadt bis zum Rathaus, wo Oberbürgermeister Oskar Lafontaine das Team im Festsaal begrüßte. Draußen auf dem Rathausvorplatz standen mehr als 2.000 Fans dicht gedrängt, Kopf an Kopf. Mit 2.000 Litern Freibier, die von städtischen Brauereien gesponsert wurden, stießen sie auf die Mannschaft an.

Auch in den Kneipen der Stadt war die Stimmung ausgelassen. So berichtete Wolfgang Kölling in der Saarbrücker Zeitung aus einer Gaststätte auf dem Rodenhof: „An einem Ecktisch sitzen einige alte Herren. ‚Wir haben den Sieg verdient.‘ – ‚War doch klar‘ – ‚Mir hann’s geschaffd‘ äußern sie sich strahlend. Hupen und Hörner werden in Aktion gesetzt. Überschäumende Freude. Und wieder ‚Der FCS wird niemals untergehn‘. Wir werden zu einem ‚FC-Bier‘ eingeladen. Hoch die Gläser: ‚Uff de erschde FC!‘“

Ganz Saarbrücken war an diesem Tag in Bewegung. Dieser Aufstieg war mehr als ein sportlicher Erfolg. Er war die Erlösung nach Jahren des Wartens, ein Moment gemeinsamer Identität – und für viele der Beweis, dass sich Geduld, Leidenschaft und der Glaube an die eigene Stärke am Ende auszahlen. (AH)