Donnerstag, 11. Juni 2026

Dramatische Lage der Automobilindustrie: Oberbürgermeister appellieren an EU-Kommissionspräsidentin

Die Oberbürgermeister von Stuttgart, Wolfsburg, Friedrichshafen und Saarbrücken haben sich mit einem gemeinsamen Schreiben an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Dr. Ursula von der Leyen, gewandt.

Artikeldetail (Presse)

Oberbürgermeister Uwe Conradt - LHS

Oberbürgermeister Uwe Conradt - LHS

Oberbürgermeister Uwe Conradt - LHS

Als Initiatoren der Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“ warnen Dr. Frank Nopper, Dennis Weilmann, Simon Blümcke und Uwe Conradt vor einer weiteren Verschärfung der Lage der europäischen und insbesondere der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie.

Die Initiative vertritt inzwischen zahlreiche Automobil- und Zulieferstandorte aus ganz Deutschland. In den beteiligten Städten und Regionen hängen weit über 800.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Automobil- und Zulieferindustrie ab.

„Wirtschaftliche Unsicherheit, Arbeitsplatzverluste und fehlende Perspektiven gefährden nicht nur Investitionen und Wachstum. Sie untergraben Vertrauen in politische Institutionen und schaffen einen gesellschaftlichen Nährboden, der Europa insgesamt schwächt. Vor diesem Hintergrund betrachten wir den derzeit vorgesehenen Zeitplan des europäischen Automotive Package mit großer Sorge. Dass zentrale Entscheidungen erst im ersten Quartal 2027 in konkrete Ergebnisse münden sollen, wird der Dramatik der Lage nicht gerecht. Die Industrie kann nicht bis 2027 warten. Investitionsentscheidungen werden heute getroffen. Standortentscheidungen werden heute getroffen. Entscheidungen über Forschung, Entwicklung, Produktionslinien und Beschäftigung werden heute getroffen“, heißt es in dem Schreiben an die Kommissionspräsidentin.

Die Bürgermeister sehen die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Automobilstandorts unter massivem Druck. Hohe Energiepreise, zunehmende regulatorische Belastungen, langwierige Genehmigungsprozesse, geopolitische Verwerfungen, aggressive industriepolitische Strategien anderer Wirtschaftsräume und wachsende Investitionszurückhaltung führten dazu, dass industrielle Wertschöpfung zunehmend aus Europa abwandere.

Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung der Beschäftigung. Nach aktuellen Berechnungen des Verbandes der Automobilindustrie seien seit 2019 bereits rund 100.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie verloren gegangen. Ohne politische Kurskorrekturen drohe bis 2035 ein Verlust von insgesamt bis zu 225.000 Arbeitsplätzen.

Diese Entwicklung treffe die Städte unmittelbar. Sie betreffe Familien, Beschäftigte, Auszubildende, mittelständische Unternehmen und ganze Regionen, deren wirtschaftliche Stärke über Jahrzehnte auf industrieller Wertschöpfung aufgebaut worden sei. In vielen Automobilstandorten mache sich inzwischen Verunsicherung breit.

Mit großer Sorge blicken die Initiatoren auf den derzeit vorgesehenen Zeitplan des europäischen Automotive Package. Dass zentrale Entscheidungen erst im ersten Quartal 2027 in konkrete Ergebnisse münden sollen, werde der Dramatik der Lage nicht gerecht. Jeder weitere Monat ohne klare politische Orientierung erhöhe das Risiko weiterer Standortverlagerungen, Investitionsabflüsse und Arbeitsplatzverluste.

Die Initiative fordert deshalb von der Europäischen Kommission ein klares und schnelles Signal für Wettbewerbsfähigkeit, Technologieoffenheit und industrielle Stärke. Unternehmen bräuchten Planungssicherheit, Zukunftstechnologien Investitionssicherheit und Beschäftigte Vertrauen in die Transformation.

Die Bürgermeister betonen zugleich, dass Klimaschutz, Innovation und industrielle Wertschöpfung keine Gegensätze seien. Die Transformation könne nur erfolgreich sein, wenn sie wirtschaftlich tragfähig, technologisch offen und gesellschaftlich akzeptiert bleibe.

„Die Transformation braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür muss sie Arbeitsplätze sichern und industrielle Stärke in Europa erhalten.“ Oberbürgermeister Uwe Conradt

Dr. Frank Nopper, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart: „Unsere Städte stehen für industrielle Stärke, Innovation und hunderttausende Arbeitsplätze. Wenn Europa die Transformation erfolgreich gestalten will, muss es jetzt entschlossen handeln. Die Zeit für klare industriepolitische Signale ist nicht 2027. Sie ist jetzt.“

Dennis Weilmann, Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg: „Die Automobilindustrie braucht verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Wer Investitionen in Europa halten will, muss Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Bürokratie und Technologieoffenheit endlich zusammen denken.“

Simon Blümcke, Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen: „Gerade die Zulieferindustrie ist das Rückgrat vieler Industriestandorte. Wenn dort Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Entwicklungsfähigkeit verloren gehen, trifft das ganze Regionen. Deshalb braucht Europa ein Automotive Package, das auch die Zulieferer im Blick hat.“

Uwe Conradt, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken: „In unseren Städten spüren die Menschen sehr konkret, ob politische Entscheidungen Zukunftsperspektiven schaffen oder Unsicherheit verstärken. Die Transformation braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür muss sie Arbeitsplätze sichern und industrielle Stärke in Europa erhalten.“

Die Initiative bietet Kommissionspräsidentin von der Leyen ausdrücklich ein persönliches Gespräch an, um die Lage vor Ort, die Erwartungen der Kommunen und die Herausforderungen der industriellen Transformation unmittelbar zu erörtern.

Über die Initiative

Die Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“ wurde vor rund eineinhalb Jahren von den Oberbürgermeistern von Stuttgart, Wolfsburg, Friedrichshafen und Saarbrücken ins Leben gerufen. Inzwischen haben sich zahlreiche Automobil- und Zulieferstandorte aus ganz Deutschland angeschlossen. Gemeinsam vertreten sie Städte und Regionen, in denen weit über 800.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Automobil- und Zulieferindustrie abhängen.

Weitere Informationen: www.saarbruecken.de/automobilstandort