Landeshauptstadt verlegt Stolpersteine in Altenkessel und Burbach
Die Landeshauptstadt Saarbrücken hat am Mittwoch, 27. August, sechs Stolpersteine in den Stadtteilen Altenkessel und Burbach verlegt.
Stolpersteinverlegung in Erinnerung an Elisabeth Krug - LHS
Stolpersteinverlegung in Erinnerung an Elisabeth Krug - LHS
Stolpersteinverlegung in Erinnerung an Elisabeth Krug - LHS
Sie erinnern an die Schikanierung, Stigmatisierung, Inhaftierung und Ermordung von Saarbrücker Mitbürgerinnen und Mitbürgern durch die Nationalsozialisten.
Die Gedenksteine würdigen Elisabeth Krug in der Alleestraße 108 in Altenkessel, das Ehepaar Moritz und Clementine Schwarz in der Luisenthaler Straße 1, Mathias Werner Reinert in der Luisenthaler Straße 4 sowie Heinrich Philipp und Wilhelm Bollinger in der Hochstraße 98 (ehemals Wilhelmstraße 12) in Burbach.
Zentrale Feierstunde in Altenkessel
Diesmal fand im Bürgerhaus Altenkessel-Rockershausen eine zentrale Feierstunde statt. In deren Rahmen wurden die Biografien und Schicksale der sechs Menschen, für die in Altenkessel und Burbach Stolpersteine verlegt wurden, vorgestellt.
Oberbürgermeister Uwe Conradt begrüßte die Initiatorinnen und Initiatoren, Patinnen und Paten. Unter anderem waren außerdem Daniel Stiefel und Benjamin Chait von der Synagogengemeinde Saar anwesend, Pfarrer Klaus-Peter Kohler von der katholischen Kirchengemeinde St. Eligius in Burbach und der Antisemitismusbeauftragte des Saarlandes Professor Dr. Roland Rixecker. Nach der Feierstunde wurde der Opfer an deren jeweiligen Wohnorten gedacht.
Oberbürgermeister Uwe Conradt: „Mit den Stolpersteinen erinnern wir an Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Wir schaffen damit Orte des Innehaltens, die zum Nachdenken anregen sollen. Antisemitismus, Rassismus und vor allem Nationalismus bedrohen unsere Gesellschaft erneut. Umso klarer bekennen wir uns in Saarbrücken zu Menschenwürde, Freiheit und Demokratie.“
Die Veranstaltung war Teil einer größeren Verlegungsaktion in diesem Jahr. Der Stadtrat der Landeshauptstadt Saarbrücken hatte in seiner Sitzung vom 7. Mai 2024 die Verlegung von insgesamt 17 weiteren Stolpersteinen beschlossen.
Elisabeth Krug
Elisabeth Krug, genannt Else, Jahrgang 1900, verbrachte ihre Kindheit und Jugend zusammen mit ihren vier Geschwistern in Altenkessel. Sie verließ Saarbrücken in den 1920er Jahren und zog ins Rheinland, hielt sich mutmaßlich eine Weile in Köln auf und ging dann nach Düsseldorf, um im Rotlichtmilieu als Domina zu arbeiten.
Im Zuge der „Aktion Arbeitsscheu Reich“, wie die Nazis ihre Säuberungsaktion gegen sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher nannte, wurde Else Krug am Abend des 30. Juli 1938 in Düsseldorf verhaftet, in „asoziale Vorbeugehaft“ genommen und dann in das Lager Lichtenburg bei Prettin gebracht. Von dort aus wurde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verlegt.
Im Lager wurde ihr die Oberaufsicht über die streng rationierten Lebensmittel aufgetragen. In dieser Funktion versorgte Else Krug Frauen, die großen Hunger litten, mit einer zusätzlichen Portion Gemüse. Dafür wurde sie inhaftiert. Als sie sich weigerte, Mitgefangene zu misshandeln, um entlassen zu werden, wurde sie nach Bernburg deportiert, wo sie vermutlich am 7. Februar 1942 vergast wurde.
Moritz und Clementine Schwarz
Der jüdische Maschinenführer Moritz Schwarz, Jahrgang 1879, und seine Frau Clementine, Jahrgang 1880, hatten drei Kinder, mit denen sie seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in Burbach lebten.
Im Zuge der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Ehepaar inhaftiert und nach Dachau deportiert. Beide wurden aus dem Lager wieder entlassen. Vermutlich aufgrund der Evakuierung der sogenannten „Roten Zone“ kamen sie nach Mitteldeutschland und wohnten seit dem 2. November 1939 in Halle/Saale. Von hier aus wurden Moritz und Clementine Schwarz mit dem Deportationszug am 1. Juni 1942 zusammen mit 998 weiteren Inhaftierten in das Vernichtungslager Sobibor bei Lublin in Polen gebracht und dort am 3. Juni 1942 in der Gaskammer ermordet.
Heinrich Philipp und Wilhelm Bollinger
Heinrich Philipp (Heinz, Jahrgang 1916) und Wilhelm (Willi, Jahrgang 1919) Bollinger stammten aus Burbach, wo die Familie in einer Werkswohnung der Burbacher Hütte lebte. Über die „Katholische Jugend“ lernten sie Willi Graf kennen, mit dem sie in den Widerstand gegen die NS-Diktatur gingen.
Beide schlossen sich der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an: Heinz sollte in Freiburg einen Stützpunkt aufbauen, Willi in Saarbrücken. In der Wohnung der Familie Bollinger fanden intensive Gespräche mit Graf statt. Ende 1942 trafen sich die Bollinger-Brüder und Willi Graf mehrfach, diskutierten die politische Lage und planten Flugblattaktionen. Willi Bollinger versteckte den Vervielfältigungsapparat von Graf im Heiliggeist-Krankenhaus, wo er im Lazarett arbeitete. Dort wurden Flugschriften hergestellt.
Am 18. Februar 1943 flog die „Weiße Rose“ in München auf, Graf wurde verhaftet und später hingerichtet. Das Strafmaß für Heinz Bollinger lautete sieben Jahre Zuchthaus, für Willi drei Monate Gefängnis. Nach 1945 arbeitete Willi in der Industrie und starb 1975 in Wuppertal. Heinz wurde Philosophieprofessor und verstarb 1990 in Freiburg.
Mathias Werner Reinert
Mathias Werner Reinert (Jahrgang 1922), geboren in Saarbrücken, gehörte zum Widerstandskreis um die Brüder Heinz und Willi Bollinger. Auf Genesungsurlaub aus dem Russlandfeldzug traf er sich Ende Januar 1943 mit Heinz Bollinger im Schwarzwald. Beide kannten sich aus dem verbotenen Grauen Orden, einer bündisch-katholischen Jugendgruppe.
Weil Heinz Bollinger bereits von der Gestapo gesucht wurde, übergab er Reinert eine Maschinenpistole und ein Vervielfältigungsgerät, da er mit seiner Verhaftung rechnete. Reinert warnte Willi Bollinger in Burbach, gemeinsam vernichteten sie die belastenden Gegenstände. Die Gestapo suchte inzwischen auch nach Reinert, doch sein Kompaniechef verschaffte ihm Deckung, indem er ihn an die italienische Front schickte.
Bei Monte Cassino wurde er schwer verwundet und überlebte nur knapp. Nach 1945 arbeitete Reinert in der Verwaltung von Ministerpräsident Johannes Hoffmann bei der Landesregierung des Saarlandes, kämpfte gegen die Diskriminierung seiner Person nach dem damaligen § 175, setzte seine Weiterbeschäftigung gerichtlich durch und wirkte zudem als literarischer Autor.
Hintergrund
Der Künstler Gunter Demnig begann 1992 damit, Stolpersteine zu verlegen. Seit 2005 ist das Projekt patentiert. Die abgerundeten, quadratischen Messingtafeln sind mit eingravierten Lettern versehen und auf einem Betonwürfel angebracht. In den meisten Fällen werden sie vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der Personen, an die sie erinnern, auf ebener Höhe in den Gehweg eingelegt. Auf diese Weise soll Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden, die verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. In der Landeshauptstadt Saarbrücken wurden im Jahr 2010 die ersten Stolpersteine verlegt.
Ausführliche Biografien finden Interessierte unter erinnern.saarbruecken.de.
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Pressefotos stehen für redaktionelle Zwecke unter Angabe der Quelle „Landeshauptstadt Saarbrücken“ kostenfrei zur Verfügung.