Freitag, 20. Januar 2023

Stadt stellt digitales Gedenkbuch „Jüdisches Leben in Saarbrücken und im Saarland“ vor

Die Landeshauptstadt Saarbrücken hat am Freitag, 20. Januar, im Filmhaus das digitale Gedenkbuch „Jüdisches Leben in Saarbrücken und im Saarland“ offiziell vorgestellt.

Eine illustre Partygesellschaft, quasi ein „who is who“ der Saarbrücker jüdischen Gesellschaft, am Abend nach der Bar-Mitzwa von Curt, des Sohnes von Oberregierungsrat Dr. Ludwig Meyer. - Foto: Privat.

Eine illustre Partygesellschaft, quasi ein „who is who“ der Saarbrücker jüdischen Gesellschaft, am Abend nach der Bar-Mitzwa von Curt, des Sohnes von Oberregierungsrat Dr. Ludwig Meyer. - Foto: Privat.

Eine illustre Partygesellschaft, quasi ein „who is who“ der Saarbrücker jüdischen Gesellschaft, am Abend nach der Bar-Mitzwa von Curt, des Sohnes von Oberregierungsrat Dr. Ludwig Meyer. - Foto: Privat.

Dabei handelt es sich um ein neues Angebot auf der städtischen Homepage, das unter gedenkbuch.saarbruecken.de abrufbar ist. Das digitale Gedenkbuch ist ein Informations- und Recherchesystem zur Geschichte des Holocaust an der Saar, aber auch zur jüdischen Geschichte und Religion im Allgemeinen und zu jüdischem Leben in Saarbrücken und im Saarland im Besonderen. Es besteht aus zwei großen Bereichen: „Fakten und Erläuterungen“ und der unter der Rubrik „Gedenkbuch“ angelegten Opferdatenbank.

"Die jüdische Geschichte in der Landeshauptstadt und im Saarland wird auf dieser Website greifbar und erlebbar." OB Conradt

Das Gedenkbuch wurde vom Stadtarchiv erstellt und zu rund 80 Prozent von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien finanziell gefördert. 2020 hatte der Bund das Förderprogramm Neustart Kultur ins Leben gerufen, das unter anderem speziell für Archive und Bibliotheken das Digitalisierungsprogramm WissensWandel enthielt. Ein entsprechender Förderantrag des Stadtarchivs wurde bewilligt. Die Verwirklichung des Projekts hat etwa drei Jahre in Anspruch genommen.

Oberbürgermeister Uwe Conradt: „Mit dem digitalen Gedenkbuch haben wir der Erinnerungskultur in Saarbrücken ein weiteres bedeutendes Element hinzugefügt. Die jüdische Geschichte in der Landeshauptstadt und im Saarland wird auf dieser Website greifbar und erlebbar, auch dank des anschaulichen Fotomaterials. Darüber hinaus erhalten Nutzerinnen und Nutzer dieser Seite Einblicke in konkrete Schicksale von ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Nach dem Denkmal ‚Band der Erinnerung‘ im öffentlichen Raum vor der Synagoge haben wir mit dem digitalen Gedenkbuch ein weiteres im virtuellen Raum gesetzt.“

„Das digitale Gedenkbuch ergänzt die historisch-politischen Bildungsangebote der Landeshauptstadt in herausragender Weise." Kulturdezernentin Dr. Sabine Dengel

Kulturdezernentin Dr. Sabine Dengel: „Das digitale Gedenkbuch ergänzt die historisch-politischen Bildungsangebote der Landeshauptstadt in herausragender Weise. Nicht nur bieten wir ein nahezu einzigartiges digitales Informationsmedium, sondern geben auch Einblicke in die historische pulsierende Stadtkultur, an der die jüdische Community damals wie heute einen sehr wichtigen Anteil hatte.“

Ausführliche Informationen zu jüdischem Leben an der Saar

In der Rubrik „Fakten und Erklärungen“ stehen umfangreiche Informationen zur Geschichte des Antisemitismus zur Verfügung, zur jüdischen Geschichte im Saarland und in Saarbrücken, zu jüdischen Persönlichkeiten an der Saar, zur Erinnerungskultur sowie zu Religion und Brauchtum. Auch eine nach Landkreisen differenzierte Literaturliste und die für das Denkmal „Band der Erinnerung“ maßgebliche Liste der ermordeten Jüdinnen und Juden im Saarland sind in diesem Bereich der Website zu finden.

Die Informationen sind in kleinere Themenbereiche gegliedert und teilweise umfassend illustriert. Unter der Rubrik „Juden in Saarbrücken“ geht es zum Beispiel um die Anfänge jüdischen Lebens in Saarbrücken, um Saarbrücken als Zentrum jüdischen Lebens an der Saar, um die jüdische Gemeinde in Saarbrücken, die Rolle von Juden in der Saarbrücker Wirtschaft, um Juden als Ärzte, Rechtsanwälte, Juden in der Politik, in Kunst, Kultur und im Sport.

Der ausführliche Überblick zeigt, wie präsent jüdisches Leben gerade in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu Beginn der 1930er Jahre war. Jüdische Männer und Frauen waren Teil der Gesellschaft, machten sich um Kunst und Kultur, die Entwicklung von Handel und Gewerbe verdient. Die 1890 eingeweihte Synagoge in Saarbrücken an der Ecke Futterstraße/Kaiserstraße symbolisierte diese Präsenz mitten in der Stadt.

Vielfältige Recherchemöglichkeiten in der Opferdatenbank

Herzstück des digitalen Gedenkbuchs auf der Homepage der Landeshauptstadt ist die Opferdatenbank unter dem Menüpunkt „Gedenkbuch“. Sie dient als Rechercheinstrument, um die Geschichte des Holocaust aus regionaler Perspektive zu erforschen. Die Datenbank enthält Informationen zu den ermordeten und vor allem auch den überlebenden Jüdinnen und Juden im Saarland. Sie bildet damit jüdisches Leben von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ab.

Nutzerinnen und Nutzer können nach Namen, Geburts-, Sterbe- und Wohnorten recherchieren, außerdem nach Straßennamen und Berufen. Für den Wohnort Saarbrücken erscheinen fast 5.000 Treffer. Vor allem die Bahnhofstraße war bekannt für ihre zahlreichen jüdischen Geschäfte, in den oberen Etagen der Geschäftshäuser wohnten viele jüdische Familien. Wer mit dem Suchbegriff Karcherstraße recherchiert, wird feststellen, dass sich in dieser kleinen Straße mit fast 200 Einträgen viele Spuren jüdischen Lebens finden.

Die angezeigten Namen werden näher erläutert, beim Anklicken werden ihre familiären Beziehungen zur Eltern- und Kindergeneration dargestellt. Somit ist erkennbar, dass teilweise ganze Familien ausgerottet wurden. Wenn zu den betreffenden Personen im Landesarchiv eine Akte im Bestand Landesentschädigungsamt überliefert ist, gibt es darauf einen Hinweis im digitalen Gedenkbuch in Form einer Nummer. Interessierte können mithilfe dieser Nummer beziehungsweise Signatur im Landesarchiv die entsprechende Akte zur Einsichtnahme bestellen. Oft enthalten diese Akten umfangreiches Material zum Leben der Opfer.

Sammlung der Daten war Herausforderung

Das Gedenkbuch berücksichtigt gut 20.000 Personen. Etwa 5.000 Personen wurden abschließend geprüft, der Rest erfolgt im Laufe dieses Jahres. Der jeweilige Bearbeitungsstatus wird aktuell angezeigt.

Die Erfassung der Opferdaten erwies sich als sehr aufwändig. Ortsnamen, insbesondere in Osteuropa, veränderten sich, die deutsche Verwaltung trug sie in amtliche Dokumente nicht immer korrekt ein. Aufgrund von Fehlern in der Bürokratie entstanden abweichende Schreibweisen zu ein- und derselben Person, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst wurde.

Auch die Verfolgung hatte Auswirkungen auf Namen. Viele jüdische Menschen flohen von der Saar nach Frankreich und passten ihre Vornamen der französischen Sprache an. Wer für die Résistance tätig war, nahm unter Umständen einen Decknamen an und behielt diesen bei. Schwierigkeiten können auch bei massenhaft vorkommenden Nachnamen wie etwa bei Levy auftreten, wenn bei derselben Person variable Schreibweisen genutzt wurden. Neben den Namen zeigten sich auch bei Geburtsdaten für ein- und dieselbe Person Abweichungen.

Das digitale Gedenkbuch beachtet den Schutz personenbezogener Daten. Deshalb werden Daten zu überlebenden Personen nur sichtbar, wenn ihr Todestag mindestens zehn Jahre zurückliegt. Ist der Todestag nicht bekannt, muss der Geburtstag länger als 90 Jahre her sein. Wenn diese Fristen abgelaufen sind, werden die Daten automatisch freigeschaltet.

Ausblick    

Das digitale Gedenkbuch versteht sich als eine Informationsplattform und ein Kompetenzzentrum im Hinblick auf die Geschichte jüdischen Lebens in Saarbrücken und im Saarland. Das Stadtarchiv sucht die Kooperation mit allen, die sich ehrenamtlich oder beruflich mit diesen Themen beschäftigen. Das Projekt möchte Wissenschaftler und Familienforscher unterstützen und deren Ergebnisse im Gedenkbuch einstellen.

Die digitale Form bietet die Möglichkeit der permanenten Verbesserung, Erweiterung und Aktualisierung. Außerdem soll das Gedenkbuch auch als Grundlage für die Arbeit in Schulklassen dienen, das eigenständige Fragestellungen von Schülerinnen und Schülern fördern sowie Impulse für Schülerprojekte geben soll.

Digitales Gedenkbuch

Zum digitalen Gedenkbuch geht es hier.

Digitales Gedenkbuch

Erinnerungskultur

Mehr Informationen zur Erinnerungskultur in Saarbrücken sind hier zu finden.

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