Die Bahnhofstraße – eine Straße voller Geschichten

Vom Ackerland zur Einkaufsmeile: Die Saarbrücker Bahnhofstraße hat in mehr als 160 Jahren viele Veränderungen erlebt. Wo einst Reisende ankamen und Händler ihre Waren anboten, entstand im Laufe der Jahrzehnte eine lebendige Geschäftsstraße, die Generationen von Saarländerinnen und Saarländern mit ihren ganz persönlichen Erinnerungen verbinden. 2026 erzählen vier Jubiläen ein Stück dieser Geschichte.

Wer heute durch die Saarbrücker Bahnhofstraße geht, verbindet mit ihr vielleicht vor allem Einkaufen und Innenstadtleben. Doch diese Straße hat weit mehr erlebt. Sie erzählt von der Entwicklung Saarbrückens – von den Anfängen des Handels und dem wirtschaftlichen Aufschwung über Krieg und Wiederaufbau bis hin zum Strukturwandel im modernen Einzelhandel.

Ihre Geschichte reicht bis in die Fürstenzeit zurück. Damals waren Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach noch eigenständige Städte. Schon um 1800 erkannte Balthasar Wilhelm Stengel, Sohn des berühmten Barockbaumeisters Friedrich Joachim Stengel, St. Johanns Potenzial als Handelszentrum: „Die Lage der Stadt St. Johann ist zur Nahrung eines wirtschaftstreibenden Bürgers sowohl als auch eines Handelsmannes und Professionalisten weit vorteilhafter als die Stadt Saarbrücken (…)“ (zitiert aus StA SB, Bestand Mairie, Nr. 70).

Mit dem Bau des Hauptbahnhofs im Jahr 1852 gewann die Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt zunehmend an Bedeutung. 1864 taucht ihr Name erstmals offiziell in einem Verwaltungsbericht der Stadt St. Johann auf: In Höhe der Einmündung der Sulzbachstraße sollte in der „Bahnhofstraße“ ein neuer Brunnen angelegt werden. In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich diese Straße grundlegend und entwickelte sich mehr und mehr zu einer modernen Einkaufsstraße.

Von der Provinzstadt zur regionalen Einkaufsmetropole

Nicht alle Zeitgenossen waren von dieser Entwicklung angetan. Der schottisch-deutsche Schriftsteller John Henry Mackay (1864–1933) blickt in seinem Werk „Die Menschen der Ehe“ (1892) mit scharfer Feder auf das sich wandelnde Saarbrücken. Über die Stadt legten sich für ihn „der Dunst der brennenden Kohle“ und die Atmosphäre einer geistig wie städtebaulich erstarrten Provinzstadt.

Auch die Bahnhofstraße überzeugte ihn wenig: „Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein Unwesen diese ganze Straße entlang. (…) In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe.“

Mackays Urteil erwies sich jedoch nur wenige Jahre später als erstaunlich kurzsichtig. Denn gerade die von ihm beklagte Ausbreitung der Geschäfte sollte die Bahnhofstraße nachhaltig prägen und sie zur repräsentativen Geschäftsstraße Saarbrückens werden lassen. So hatten sich um die Jahrhundertwende unter anderem 18 Konfektionsgeschäfte, neun Schuhgeschäfte, sieben Uhrmacher sowie fünf große Warenhäuser angesiedelt. Ergänzt wurde das Angebot durch rund ein halbes Dutzend Cafés sowie Buchhandlungen, Rechtsanwälte, Zahnärzte, Waschanstalten und viele weitere Angebote – hier konnte jedermann fündig werden.

Zwischen Trümmern und Neuanfang

Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung jäh. Bombenangriffe zerstörten zahlreiche Gebäude und Teile der gewachsenen Stadtstruktur. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau – und mit ihm entstand eine andere Bahnhofstraße. Historische Fassaden wichen modernen Neubauten, Grundstücke und Straßenzüge wurden neu geordnet. Das Leben kehrte zurück. Neue Geschäfte eröffneten, Verkaufsflächen entstanden und die Bahnhofstraße wurde erneut zu einem zentralen Ort des Einkaufens und der Begegnung.

Die Architektur orientierte sich dabei vielerorts weniger am Erscheinungsbild der Vorkriegsstadt als an den Leitvorstellungen einer modernen und funktional ausgerichteten Innenstadt. Nach den Planungen von Georges-Henri Pingusson wurden Arkaden errichtet, um die Bahnhofstraße verbreitern zu können.

Sie sollte dadurch sowohl als zentrale Verkehrsachse als auch als belebte Einkaufsstraße dienen. Bis 1993 war die Bahnhofstraße für den Individualverkehr geöffnet. Im Zuge der Bemühungen, die Lebensqualität und Attraktivität der Innenstadt zu steigern, entschied sich die Stadt anschließend dafür, den Verkehr auf die umliegenden Straßen zu verlagern.

Wie stark sich diese Straße im Laufe der Zeit verändert hat, lässt sich besonders gut an den Unternehmen ablesen, die sie geprägt haben. 2026 feiern gleich vier Geschäfte und Unternehmen ein besonderes Jubiläum: Juwelier Kraemer blickt auf 135 Jahre, Leder Spahn auf 80 Jahre, Karstadt auf 55 Jahre und Primark auf 15 Jahre Bestehen in Saarbrücken zurück. Ihre Geschichten könnten unterschiedlicher kaum sein. Zusammen erzählen sie jedoch von vier Generationen des Einzelhandels in der Bahnhofstraße.

Juwelier Kraemer – 135 Jahre Tradition und Innovation

1891 gründete Friedrich Wilhelm Kraemer seine Goldschmiede in der Bahnhofstraße 89. Schon früh verband er handwerkliches Können mit einem Gespür für außergewöhnliche Verkaufsideen. So fertigte er zur Heilig-Rock-Feier 1891 in Trier kleine Nachbildungen des Heiligen Rocks aus Gold und Silber, die im Trierer Dom gesegnet und dann als Talisman getragen werden konnten. Wenige Jahre später entstanden anlässlich des 25. Jahrestages der Schlacht von Spichern Talismane aus Granatsplittern, die zum Verkaufsschlager wurden.

1895 erwarb Kraemer das Haus in der Bahnhofstraße, das bis heute im Familienbesitz ist. Ab 1901 wurde es als Geschäftshaus genutzt und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zum Mittelpunkt des Unternehmens. Nach dem Tod Friedrich Kraemers im Jahr 1915 führte sein Sohn Fritz das Geschäft weiter. Er hatte das Goldschmiedehandwerk bereits im elterlichen Haus erlernt und anschließend an der Königlichen Zeichenakademie in Hanau studiert.

Unter seiner Leitung wuchs das Unternehmen rasch. 1909 entstand im Keller eine eigene Goldschmelze, 1913 wurde die Verkaufsfläche verdoppelt und bereits 1919/20 folgte eine weitere Vergrößerung. Im Jahr 1924 arbeiteten neben Familienangehörigen bereits sechs Goldschmiede, drei Uhrmacher und fünf Verkäuferinnen im Unternehmen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Verbindung von Handwerk und unternehmerischem Pioniergeist prägend. In den 1950er Jahren verfügte Kraemer über eine eigene Silbergießerei und belieferte Kunden bis nach Frankreich und Algerien. Ab den 1960er Jahren wurde der weltweite Einkauf von Edelsteinen zu einem wichtigen Bestandteil des Unternehmens.

1967 übernahm Tochter Hildegard gemeinsam mit ihrem Mann Gerd Hofer die Geschäftsführung. Mit ihren Söhnen Gerd und Jürgen setzte die nächste Generation die Familientradition fort. Heute führt Sven Hofer das Unternehmen in fünfter Generation. Damit steht Juwelier Kraemer wie kaum ein anderes Geschäft für die lange Kontinuität der Bahnhofstraße.

Leder Spahn – 80 Jahre Saarbrücker Traditionshaus für feine Lederwaren

Die Geschichte von Leder Spahn beginnt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 1. Juni 1946 eröffneten Anneliese Gädicke und Hans Spahn zunächst ein Geschäft am St. Johanner Markt. Bereits zwei Jahre später zog das Unternehmen in die Bahnhofstraße. Als „Spezialhaus für feine Lederwaren aus Paris, Wien und Offenbach“ machte sich Leder Spahn schnell einen Namen. Besonders in den 1950er und 1960er Jahren waren hochwertige Krokodillederwaren gefragt – Prominente wie Grace Kelly oder Jane Birkin trugen dazu bei, dass diese zum Symbol für Reichtum und Wohlstand wurden. Erst in den 1970er Jahren nahm die Nachfrage hiernach ab, nicht zuletzt durch ein wachsendes Bewusstsein für Tier- und Artenschutz.

Bis in die 1950er Jahre produzierte Leder Spahn auch eigene Waren. Darüber hinaus war das Geschäft weit über das Saarland hinaus für besondere Einzelstücke und individuelle Sonderanfertigungen bekannt. Die persönliche Beratung und der Anspruch, für jeden Kunden etwas Besonderes zu finden, prägen die Unternehmensphilosophie seit jeher. Auf Jutta Krause-Wichmann als Inhaberin folgte im Jahr 2001 die nächste Generation: Kathrin und Michael Genth übernahmen das Familiengeschäft und führten die Tradition fort.

Seitdem wurde das Sortiment stetig erweitert und an die aktuellen Wünsche der Kundinnen und Kunden angepasst. Bis heute ist Leder Spahn eine feste Adresse für hochwertige und zeitgemäße Lederwaren, Taschen und Accessoires – und verbindet dabei die Geschichte eines traditionsreichen Saarbrücker Familienunternehmens mit einem modernen Anspruch an Qualität, Stil und guter Beratung.

Karstadt – das neue große Kaufhaus in der Bahnhofstraße

Mit Karstadt hielt 1971 ein neues Kapitel in der Geschichte der Bahnhofstraße Einzug. Am 30. September eröffnete der Kaufhauskonzern seine Saarbrücker Filiale. Mit rund 16.800 Quadratmetern Verkaufsfläche war das Warenhaus damals das größte Kaufhaus des Saarlandes.

Der Neubau setzte auch architektonisch ein deutliches Zeichen: Bronzefarben eloxierte Aluminiumplatten und weißer Sichtbeton bestimmten die Fassade und verliehen dem Bereich zwischen Bahnhofstraße und St. Johanner Markt ein völlig neues Gesicht.

Die Bahnhofstraße – eine Straße voller Geschichten

Prägte das Bild der Innenstadt neu: der Karstadt-Bau nach seiner Fertigstellung. - Stadtarchiv Saarbrücken, Nl GH DA 2393_018, Copyright by Gerhard Heisler, Saarbrücken

Prägte das Bild der Innenstadt neu: der Karstadt-Bau nach seiner Fertigstellung. - Stadtarchiv Saarbrücken, Nl GH DA 2393_018, Copyright by Gerhard Heisler, Saarbrücken

Prägte das Bild der Innenstadt neu: der Karstadt-Bau nach seiner Fertigstellung. - Stadtarchiv Saarbrücken, Nl GH DA 2393_018, Copyright by Gerhard Heisler, Saarbrücken

Die Eröffnung wurde zu einem Großereignis. Schon Monate zuvor warb Karstadt in ganzseitigen Anzeigen in der Saarbrücker Zeitung nicht nur für das neue Warenhaus, sondern auch um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein eigens eingerichtetes Einstellungsbüro in der Beethovenstraße 32 suchte Personal für den neuen Standort. Die Eröffnung war damit weit mehr als die Eröffnung eines weiteren Geschäfts: Karstadt versprach neue Arbeitsplätze, ein neues Einkaufserlebnis und ein Warenangebot, das die Dimensionen der bisherigen Bahnhofstraße deutlich erweiterte.

Über Jahrzehnte gehörte Karstadt zum festen Bild der Innenstadt. Doch das klassische Warenhausmodell geriet zunehmend unter Druck: Einkaufszentren, veränderte Konsumgewohnheiten und schließlich der Onlinehandel stellten den innerstädtischen Einzelhandel vor neue Herausforderungen.

Aus Karstadt und Galeria Kaufhof entstand als Folge dieser Entwicklung 2020 die gemeinsame Warenhausgruppe Galeria Karstadt Kaufhof. Der Saarbrücker Standort von Karstadt blieb zunächst erhalten, während die Filiale von Galeria Kaufhof endgültig geschlossen wurde und seitdem leer steht (Stand August 2026). Die Entwicklung des Kaufhauses steht damit wie kaum eine andere für den Wandel des innerstädtischen Einzelhandels.

Primark – eine neue Generation des Einkaufens

Rund vier Jahrzehnte nach der Eröffnung von Karstadt kam 2011 mit Primark ein Unternehmen nach Saarbrücken, das ebenfalls für den Wandel der Einzelhandelskultur steht. Im Dezember eröffnete das irische Unternehmen seine Filiale in der Bahnhofstraße auf rund 5.890 Quadratmetern und drei Etagen. Dort, wo zuvor Sinn Leffers seine Waren angeboten hatte, entstand ein Geschäft, das insbesondere eine neue Generation modeinteressierter Kundschaft ansprechen sollte.

Die Ansiedlung von Primark zeigt zugleich, wie stark sich die Bahnhofstraße innerhalb weniger Jahrzehnte verändert hatte. Während Karstadt in den 1970er Jahren für die große Welt des klassischen Warenhauses stand, repräsentiert Primark einen veränderten Typ des Einzelhandels, der durch schnell wechselnde Kollektionen zu günstigen Preisen charakterisiert ist.

Dieses Geschäftsmodell wurde durch die zunehmende Globalisierung des Einzelhandels und internationale Lieferketten begünstigt. Möglich wurde das Angebot vergleichsweise günstiger Mode unter anderem durch die Produktion in Ländern mit niedrigeren Produktionskosten. Zugleich steht die sogenannte Fast Fashion-Industrie immer wieder massiv in der Kritik, unter anderem mit Blick auf die Arbeits- und Produktionsbedingungen sowie die ökologischen Folgen.

Eine Straße im Wandel

135 Jahre Kraemer, 80 Jahre Leder Spahn, 55 Jahre Karstadt und 15 Jahre Primark. Vier Jubiläen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam erzählen sie jedoch die Geschichte einer Straße, die sich immer wieder neu erfunden hat. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit der Bahnhofstraße: Sie lebt von den Menschen, Geschäften und Erinnerungen, die sich über Generationen mit ihr verbinden.

Die Bahnhofstraße ist deshalb mehr als eine Einkaufsstraße. Sie ist ein Stück Saarbrücken – und eine Straße voller Geschichten. (AH)

Literaturtipp: Hans-Christian Herrmann, Ruth Bauer und Kathrin Schmidt (Hrsg.), Schaufenster des Lebens. 150 Jahre Bahnhofstraße Saarbrücken, Marpingen 2014.