50 Jahre Wiedereröffnung des „Stiefels“
Die Anfänge im 18. Jahrhundert
Schon als der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. in Versailles regierte, stand an der Stelle des heutigen Gebäudes ein Gasthaus, in dem seit mindestens 1692 Bier ausgeschenkt wurde. Der Betreiber, der Schuster Nickel Kiefer, nannte es naheliegend „Zum Stiefel“.
Im direkt angrenzenden Nebengebäude gründete Johann Daniel Bruch 1702 die Brauerei Bruch. 1709 heiratete er Anna Elisabeth Kiefer, die Tochter des Wirtes, und erbaute dort 1718 unter Verwendung älterer Bauteile das Stammhaus der Bruch-Brauerei. So nahm die „Stiefel“-Gastronomie mit eigener Brauerei ihren Anfang.
Die Familie Bruch gewann in den folgenden Jahrzehnten an Einfluss und Wohlstand und profitierte stark von der wachsenden politischen und gesellschaftlichen Rolle der Wirtshäuser: Jeder Stand und jeder Berufszweig hatte sein eigenes Stammgasthaus, in dem Männer debattierten, Neuigkeiten austauschten, Geschäfte schlossen und ihren sozialen Stand pflegten.
Aufstieg in Zeiten der Industrialisierung
Mit dem Bevölkerungswachstum der Saarstädte im 19. Jahrhundert stieg auch der Bierkonsum deutlich an. Diese Entwicklung verhalf auch der Brauerei Bruch, die sich nicht nur unternehmerisch, sondern auch in der Stadtgesellschaft engagierte, zum Wachstum. 1850 verlagerte sie ihre Braustätte aus dem Gasthaus am St. Johanner Markt zunächst in die Fürstenstraße. Auf ihrem Weg zur modernen Unternehmerdynastie errichteten die Bruchs schließlich eine neue industrielle Brauerei in der Scheidter Straße.
Im alten Stammhaus „Stiefel“ verschob sich in dieser Zeit der Fokus vom Brauereigeschäft auf die Gastwirtschaft. Auch ohne eigene Brauerei vor Ort wurde dort munter eingekehrt. Im wechselhaften „langen 19. Jahrhundert“ kehrten hier nicht nur Saarbrücker, sondern auch die Soldaten Napoleons und später preußische Ulanen ein.
Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten war der „Stiefel“ von 1933 bis 1935 ein Treffpunkt für Geflüchtete, die wegen politischer und religiöser Verfolgung das Saargebiet als Exil gewählt hatten. Nach der Saarabstimmung 1935 endete dies abrupt. Mit dem Einzug eines Studios des Reichsrundfunksenders 1937, wurde die Gasthaustradition im „Stiefel“ unterbrochen. Seit Mitte 1945 nutzten französische Soldaten den „Stiefel“ als Kasino.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude – wie viele weitere Häuser am St. Johanner Markt – durch Fliegerangriffe beschädigt. Das verheerende Hochwasser von 1947, bei dem das Wasser im „Stiefel“ bis in die erste Etage stand, tat sein Übriges, sodass das Gebäude umfassend saniert werden musste.
Das Unternehmen Bruch erlitt im Zweiten Weltkrieg starke Schäden. Im Zuge wirtschaftlicher Schwierigkeiten nach den durch Bombenschäden erlittenen Verlusten und eines harten Konkurrenzkampfes unter den saarländischen Brauereien, konnte kaum eine der Gaststätten im Stadtgebiet gehalten werden. So wechselte auch der „Stiefel“ 1958 für 14 Jahre den Besitzer. Der frühere Sendesaal wurde zu einem Kino umgebaut, in den oberen Etagen entstand das „Hotel zum Stiefel“.
„Back to the roots“ in den 1970er Jahren
Nach einer schwierigen Phase des mühsamen Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit, konnte sich die Bruch-Brauerei mit geschickter Gastronomiepolitik in den 1970er Jahren neu etablieren. Bewusst suchte Gottfried Bruch die Verbindung seiner Brauerei mit regionaler Identität und Tradition. So setzte er unter anderem auf den Ausbau der Bruch-Gastronomie in Saarbrücken und kaufte 1972 das traditionelle Stammhaus der Familie zurück.
Nach dem Rückkauf erfolgte die große Renovierung des Gebäudes, die mit der Umgestaltung des St. Johanner Marktes zur Fußgängerzone einherging. Der „Stiefel“ wurde von innen erneuert: In den Keller kamen Kegelbahnen, die oberen Etagen wurden als Büros, Tanzstudio und Wohnungen genutzt. In den ehemaligen Mälzerraum, der später Senderaum und dann Kinosaal war, zog das Staatstheater mit einer Kleinbühne ein.
Pünktlich zum zweiten Altstadtfest eröffnete das Gasthaus „zum Stiefel“ am 23. Juni 1976 erneut seine Tore. Bis 2020 wurde es weiter von der Brauerfamilie Bruch bewirtschaftet. Das Gasthaus ist eine Saarbrücker Institution und seine stolze Geschichte ist mit dem herausragenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Engagement der Familie Bruch verbunden. Auch mit wechselnden Besitzern wird der „Stiefel“, der nun seit drei Jahrhunderten Teil der Saarbrücker Wirtshauskultur ist, ein beliebter Treffpunkt für Gesellige, Durstige und Hungrige bleiben. (MK)