Die Kommunalwahl am 13. Mai 1956

Eine Wahl im Zeichen scharfer politscher Polarisierung

Eine Wahl im Zeichen scharfer politscher Polarisierung:

Nach der Ablehnung des Saarstatuts am 23. Oktober 1955 trat Johannes Hoffmann (CVP) als Ministerpräsident zurück. Es wurde eine Übergangsregierung unter dem parteilosen Heinrich Welsch gebildet, ein Mann, der in der NS-Zeit einflussreiche Posten begleitet hatte und NSDAP-Mitglied gewesen war.

Nach 1945 war es ihm gelungen, sich als Lebensretter des französischen Außenministers Robert Schuman darzustellen, dies schützte ihn wohl vor Maßnahmen der französischen Militärregierung.  Am 13. Mai 1956 fanden im Saarland Kommunalwahlen statt. Die letzten Kommunalwahlen hatte es 1949 gegeben, weitere Kommunalwahlen fanden in der Autonomiezeit nicht mehr statt und waren immer wieder verschoben worden.

Die Wahl vom 13. Mai 1956 stand ganz im Zeichen einer massiven Polarisierung zwischen den früheren Autonomiebefürwortern und ihren Gegnern. Letztere triumphierten, allen voran die von Dr. Heinrich Schneider geführte DPS, die landesweit zwar deutlich hinter CVP, CDU und SPD lag, dagegen aber im Landkreis Saarbrücken mit fast 30 Prozent die stärkste Partei wurde. In der Stadt Saarbrücken erzielte sie sogar über 40 Prozent. Saarbrücken war die DPS-Hochburg, sie erzielte hier ein Ergebnis von 17 Prozent über dem Landesdurchschnitt.

DPS: 41,0 %
CVP 24,3 %
SPD: 14,5 %
CDU:14,0 %
KP: 5,8 %

Dem entsprechend stellte die DPS im neu gewählten Saarbrücker Stadtrat mit 21 Mitgliedern die stärkste Fraktion. Die CVP zog immerhin mit 11 Stadträten ein, CDU und SPD mit jeweils 7 Mitgliedern, 2 Mitglieder stellte die KP. Die erste Sitzung des neu gewählten Stadtrates  fand am 19. Juni 1956 um 17.00 Uhr im Festsaal des Rathauses statt. Vier gewählte Kandidaten der SPD traten zurück beziehungsweise verzichteten und wurden ersetzt durch Karl-Heinz Schneider, Helmut Büch, Franz Roth und Gerd Caspar.

Das DPS-Stadtratsmitglied Johann  Ecken wurde mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Bürgermeisters bis zur Berufung eines hauptamtlichen Bürgermeisters betraut. Ferner wählte der Stadtrat sieben ehrenamtliche Beigeordnete: Karl Heinz Schneider (SPD) zum 1. Beigeordneten, Edmund Haßdenteufel zum 2. Beigeordneten, Dr. Hugo Gottschall zum 3. Beigeordneten, Heinz Klees (DPS) zum 4. Beigeordneten, Ernst Haubrichs zum, 5 Beigeordneten, Gerd Casper zum 6. Beigeordneten und Willi Reinkober zum 7. Beigeordneten.

Obwohl die CVP die zweitstärkste Fraktion bildete, erhielten ihre Kandidaten bei der Beigeordnetenwahl keine Mehrheit. DPS, CDU und SPD besetzten diese Positionen allein. Alle drei Parteien teilten den Kampf gegen das autonome Saarland und hatten sich im September 1955 als Heimatbund auf Landes- und Kommunalebene zu einer Koalition zusammengeschlossen.

Gleichwohl konkurrierten sie miteinander. Das christliche Lager war gespalten, erst 1959 schloss sich die CVP der CDU an. Dagegen bestand die SPS als autonomistische  Sozialdemokratie seit ihrer Auflösung im März 1956 nicht mehr.

Hoher Anteil früherer NSDAP-Mitglieder:

Mindestens  11,5 Millionen Deutsche waren Mitglied der NSDAP oder stellten einen Antrag auf Mitgliedschaft. Dies erklärt, dass nach 1945 auch zahlreiche Politiker und Funktionsträger in Wirtschaft, Politik und Verwaltung eine NSDAP-Vergangenheit hatten.

Insbesondere in den Parteien, die an der Saar gegen die Autonomie gekämpft und die bei den Kommunalwahlen 1956 auch die meisten Stimmen erzielt hatten, war der  Anteil früherer NSDAP-Mitglieder besonders hoch. Mindestens 9 der 21 DPS-Stadträte waren frühere NSDAP-Mitglieder, davon einer in der Waffen SS/Unterscharführer. 5 der 7 CDU-Stadträte waren frühere NSDAP-Mitglieder

Fortschrittlich erscheint das Wahlrecht:

Bei den Gemeinderatswahlen 1956 konnten die Bürgerinnen und Bürger zunächst einmal eine Partei wählen, ferner aber bestimmte Kandidaten der Partei-Liste besonders unterstützen, indem sie andere aus der betreffenden Liste herausstrichen.

Die Zusammensetzung des Stadtrates nach der Kommunalwahl vom 13. Mai 1956:

DPS-Fraktion: Asmus, Fritz; Becker, Ulrich; Bruch, Ludwig; Burk, Karl; Ecken, Johann; Dr. Geiger, Georg; Dr. Gottschall, Hugo; Klees, Heinz; Klein, Rudolf; Lippe, Adolf; Niessen, Wolfgang; Pitz, Franz; Reinkober, Willi; Rott, Oskar; Reiter, Ilse; Schaz, Rudolf; Dr. Sonntag, Elfriede; Spies, Karl; Spindler, Albert; Trapp, Helmut Nikolaus; Dr. Zorn, Walter

CVP-Fraktion: Borscheid, Bruno; Brosius, Karl; Dr. Dahm,  Robert; Dr. Hilger, Helene; Himmelsbach, Hans-Joachim; Hippchen, Willi; Kessler, Otmar; Kruchten, Reinhard; Schackmann, Eduard; Scheer, Karl-Heinz; Schneider, Adolf; Simons, Heinrich.

CDU-Fraktion: Ernst, Josef; Hassdenteufel, Edmund; Haubrichs, Ernst Wilhelm;   Dr. Haustein, Carl; Kirsch, Kurt-Hans; Meyer, Gustav; Obertreis, Hans-Joachim.

SPD-Fraktion: Hamm, Albert; Herbert, Otto; Lehmann v. Weye, Dieter; nachgerückt: Schneider, Karl Heinz; Büch, Helmut; Caspar, Gerd; Roth, Franz.

KP-Fraktion: Niebergall Otto; Schmitz, Karl.

Zwei Stadträtinnen:

Unter den 49 Stadtratsmitgliedern gab es nur zwei Frauen, dafür aber mit beeindruckender Biografie:

Die CVP-Stadträtin Dr. Helene Hilger (4. September 1889 - 2. September 1972),  Studium 1915 – 1920 in Münster, München, Berlin und Bonn, Promotion am 7. November 1914 an der Uni Bonn, Studium „mit Auszeichnung“, ab 1947 Leiterin des Städtischen Mädchen-Realgymnasiums Saarbrücken, zuletzt als Oberstudiendirektorin, seit 1921 im höheren Schuldienst (Deutsch, Französisch, Erdkunde), zuerst in Saarlouis, 1934 Mitglied in der Deutschen Front, keine NSDAP-Mitgliedschaft, Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund, NSV, Deutsches Frauenwerk, Reichskolonialbund, DRK. Sie wohnte in Malstatt/Rodenhof Ottweilerstraße 12.

Die DPS-Stadträtin Dr. Elfriede Sonntag, geboren am 1. Februar 1902, Tochter eines Saargrubenbeamten, als Frauenfachärztin mit eigener Praxis ab 1935 in Saarbrücken tätig, keine NSDAP-Mitgliedschaft, wohnte Schillerstraße 100 im Stadtteil St. Johann.