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Urbane Strategien zum Klimawandel

Im Rahmen des Forschungsprojektes Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) hat sich die Stadt mit "Urbanen Strategien zum Klimawandel" befasst.

Die Ausgangssituation

Wald

Das Freiraumentwicklungsprogramm (FEP) der Landeshauptstadt Saarbrücken hat sich seit 2008 erfolgreich als offensives Instrument der Freiraumpolitik etabliert. Es zielt darauf ab, Stadtentwicklung und Stadtbild durch Qualifizierung und Profilierung der Freiräume positiv zu beeinflussen. Dabei werden Transformationsprozesse wie der demographische Wandel einbezogen, Prioritäten gesetzt und Gestaltungsprinzipien für Freiräume aufgezeigt.

Es dient zudem als Grundlage für das aktuelle Stadtentwicklungskonzept sowie das städtebauliche Entwicklungskonzept.

Bislang fand der Klimawandel im Rahmen des FEP noch keine Berücksichtigung. Mit dem ExWoSt-Projekt ergab sich die Möglichkeit aufzuzeigen, welche Beiträge eine zeitgemäße städtische Freiraumpolitik zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels leisten kann.

Die Projektpartnerschaft

Träger des Projektes ist das Amt für Grünanlagen, Landwirtschaft und Forsten. Es ist gelungen, weitere Partner aktiv einzubinden und damit einen Governance-Prozess zum Thema Klimawandel auf städtischer Ebene zu initiieren, so u.a.

  • das Amt für Klima- und Umweltschutz der Landeshauptstadt Saarbrücken
  • das Stadtplanungsamt der Landeshauptstadt Saarbrücken
  • der Zentrale Kommunale Entsorgungsbetrieb (ZKE) der Landeshauptstadt Saarbrücken
  • der Regionalverband Saarbrücken, Bauleitplanung
  • die saarländische Landesplanung (Ministerium für Inneres und Sport)
  • die RAG Montan Immobilien GmbH / Büro Saar sowie
  • die Gemeinde Quierschied, die von den Starkregenereignissen im Juni 209 gleichfalls betroffen war.

Mit dem Interreg IVB-Projekt „C-Change. Changing Climate, changing lives“, in dessen Rahmen die Landeshauptstadt und die saarländische Landesplanung bereits zusammenarbeiten, werden diese Aktivitäten zudem in eine transnationale Partnerschaft eingebettet. Beiträge des Saarbrücker C-Change-Projektes lieferten die Grundlagen (Betroffenheitsanalyse) für das ExWoSt-Vorhaben.

Die lokale Forschungsassistenz agl, Saarbrücken (www.agl-online.de) unterstützt das Projekt bei der Ausarbeitung und Durchführung.

Der Projektansatz

Schaubild

Schaubild zum Projektansatz

Im Kontext des FEP steht die Klimarelevanz städtischer Freiräume im Fokus. Sie stellen ein wichtiges Feld für Anpassungsmaßnahmen gegenüber Klimafolgen dar. Für Saarbrücken wurden zwei Handlungsschwerpunkte identifiziert: „Hitze in der Stadt“ und „Extremniederschläge“. Dies belegen auch die Kenndaten des aktuellen Klimamonitorings sowie die Ergebnisse der Klimaprojektionen mit Blick auf die Langfristperspektiven 2050 und 2100 des DWD.

Für beide Handlungsschwerpunkte wurden die Betroffenheiten von Raumnutzungen und
-funktionen bestimmt, die Klimarelevanz von Freiräumen identifiziert und Maßnahmen abgeleitet. Gemeinsam mit Bevölkerung und Betroffenen werden konkrete Anpassungsmaßnahmen auf Stadtteilebene diskutiert und umgesetzt.

Handlungsfeld „Hitze in der Stadt“

Die Betroffenheit
Die Betroffenheit gegenüber der Hitzebelastung wurde insbesondere vor dem Hintergrund gesundheitlicher Gefahren bewertet und ergibt sich aus der Exposition gegenüber zunehmenden Temperaturen (und anderen Parametern wie Luftfeuchtigkeit), die das Bioklima des Menschen negativ beeinträchtigen können. Die Ausbildung des „Stadtklimas“ verschärft die Situation in der Stadt gegenüber dem Umland.

Auf der Grundlage der Parameter Baudichte, Funktionalität, Bevölkerungsdichte und Altersstruktur lassen sich daher unterschiedlich empfindliche bzw. sensitive Siedlungsbereiche abgrenzen. Die verkehrliche Belastung, die Sozialstruktur sowie sensitive Nutzungen ergänzen die Analyse auf Stadtteilebene. Aus der Verknüpfung von Exposition (thermischen Belastung) und Sensitivität leitet sich die aktuelle Betroffenheit eines Gebietes ab.

Da keine differenzierenden Daten zur Exposition der Stadtteile aus Klimaprojektionen für 2050 und 2100 zur Verfügung standen und damit aktuelle Klimamodellierungen den Analysen zugrunde gelegt wurden, wurden vorsorglich auch die heute nur „mittel“ von Klimafolgen betroffenen Räume mit einem hohen Handlungsbedarf eingestuft. Somit sind in Gebieten mit einer mittleren bis hohen Betroffenheit Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel von besonderer Bedeutung, da hier zukünftig die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zu spüren sein werden.

Klimarelevanz der Freiräume

Die Klimarelevanz der Freiräume wird durch deren Beitrag bestimmt, Hitze in der Stadt zu minimieren und gesundheitlichen Belastungen entgegen zu wirken Sie zeigt sich auf drei Betrachtungsebenen:

(1) Freiräume mit klimawirksamen Leistungen für stadtregionale Luftaustauschprozesse bei autochthonen Wetterlagen. Es handelt sich um Freiflächen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit, Größe und Lage in großen Umfang Kalt- und Frischluft produzieren, diese zu Flächen mit Siedlungsbezug ableiten oder als Trittsteine in den Siedlungskörper hineinführen und somit hoch klimaaktiv sind. Zudem sind dies Flächen, die zur Ausbildung eines erhöhten Temperaturgradienten im Vergleich zur erwärmten Siedlung als Antrieb für eine Flurwindzirkulation führen.

Die nächtliche Abkühlung spielt für die bioklimatische Belastung und damit für die Gesundheit eine wichtige Rolle. Die Durchlüftung kann zum Abbau von lufthygienischen Belastungen beitragen (im Einzelfall aber auch zu höheren Belastungen führen). Da diese Freiräume im stadtregionalen System durch einen vergleichsweise hohen Volumenstrom an Kalt- und Frischluft verfügen, werden in der Regel die vorhandenen Strukturhöhen (auch niedrige Bebauung und Baumbestand) durch- bzw. überströmt. Aus klimaökologischer Sicht ist eine Sicherung dieser Flächen vordringlich.

(2) Freiräume mit Bedeutung für lokale Luftaustauschprozesse in Überwärmungsbereichen und für den örtlichen Klimakomfort:Freiräume im lokalen System spielen im Hinblick auf das Belüftungssystem der Gesamtstadt keine wesentliche Rolle. Ihre Flächengröße ist zudem zu gering, um relevante nächtliche Strukturwinde auszulösen, die die unmittelbare Umgebung nennenswert abkühlen. Am Tage dagegen besitzen diese Freiräume wichtige Funktionen für die Gesundheit.

Im Vergleich zu den umgebenden Siedlungsflächen können Lufttemperatur, die mittlere Strahlungstemperatur sowie der bioklimatische PET-Wert erheblich gesenkt werden. Die Maßnahmen für Flächen mit lokaler Klimarelevanz zielen auf den Erhalt bzw. die Optimierung des Klimakomforts am Tage. Die klimaökologische Funktion sollte im Verhältnis zu anderen Freiraumfunktionen ein hohes Gewicht bei der Abwägung von Gestaltungsbelangen bekommen. Folgende Gestaltungsprinzipien zur Verbesserung des Klimakomforts stehen im Vordergrund:

  • Entsiegelung
  • Erhöhung des Grünvolumens
  • Aufhellung der Oberflächen und Verwendung von wasserdurchlässigen Materialien
  • Schaffung von Schattenplätzen durch Vegetation (Bäume)
  • Schaffung von Schattenplätzen durch bauliche oder technische  Strukturen
  • Einsatz von bewegtem Wasser, Wasserspielen und Sprühnebel

(3) Freiflächen innerhalb der Siedlungsstrukturtypen mit klimawirksamen Leistungen zur Reduktion der Aufheizung der Stadt:Die Siedlungsstrukturtypen bergen aufgrund ihrer Struktur und Funktionalität unterschiedliche Potentiale für klimarelevante Gestaltungsmaßnahmen von Freiräumen. So bieten die dicht bebaute City, Cityrand- und Stadtteilkernstrukturen Potentiale, die Albedo vorhandener Freiflächen zu erhöhen, punktuell Beschattung durch Baumpflanzungen (Plätze, Alleen) vorzunehmen oder an exponierten Flächen Wasserspiele zu installieren.

Gründerzeitliche Blockrandbebauung ist prädestiniert zur Schaffung neuer Freiflächen durch Innenhofbegrünung. Gebiete mit sozialen, kulturellen oder administrativen Einrichtungen eignen sich aufgrund der großen Anzahl an Parkplatzflächen zur Schaffung neuer Grünflächen durch Konzentration von Parkflächen in Parkhäusern. Freiflächen der Industrie- und Gewerbegebiete bieten Ansatzpunkte zur Verbesserung der Albedo und der Erhöhung des Anteils verschatteter Flächen durch Baumpflanzungen.

Handlungsfeld „Extremniederschläge“

Die Betroffenheit gegenüber extremen Niederschlagsereignissen wird bestimmt

(1) über die Gefährdung von Siedlungsbereichen durch Überstau bzw. Überflutung oder durch potenzielle Hangabflüsse sowie
(2) durch die Lage sensitiver Nutzungen, insbesondere kritischer Infrastrukturen bzw. Industrie- und Gewerbegebieten, die wassergefährdende Stoffe verarbeiten.

In Zusammenarbeit mit dem städtischen Ver- und Entsorgungsunternehmen ZKE erfolgte exemplarisch eine Identifikation überstaugefährdeter Straßenabschnitte und rückstaugefährdeter Siedlungsbereiche im Kontext eines 100-jährlichen Hochwassers an der Saar. Daneben wurden auf der Grundlage vergangener Schadensereignisse gleichfalls exemplarisch Bereiche mit potentiell gefährdenden Hangabflüssen definiert.

Für eine umfassende und systematische Abschätzung der Betroffenheit liegen die erforderlichen Grundlagen in Saarbrücken derzeit nicht vor. Ein Gutachten zur Versickerungsfähigkeit der Böden im Stadtgebiet soll zukünftig eine Datengrundlage schaffen, um das Potential der Freiflächen als Beitrag zur Verminderung von negativen Klimafolgen besser beurteilen zu können.

Freiräume

Freiräume

Ergebnisse

Der aus den Untersuchungen abgeleitete Handlungsbedarf wird primär im Freiraumentwicklungsprogramm der Stadt Saarbrücken aufgenommen. Ziel ist, vergleichbar zur Verabschiedung des FEPs im Jahr 2008 eine Zustimmung des Stadtrates zu den ergänzenden klimaökologischen Maßnahmen einzuholen.

Im Rahmen der stadtteilbezogenen Beteiligung werden die Maßnahmen mit der Bevölkerung abgestimmt und in die Stadtentwicklungskonzepte integriert. Auch in laufende städtebauliche Verfahren finden die Ergebnisse Berücksichtigung, so im Großprojekt „Stadtmitte am Fluss“ oder in den Planungen zum Neubaugebiet am Franzenbrunnen.

Das geplante Klimaschutzkonzept der Stadt Saarbrücken wird das Thema Klimaanpassung gleichfalls aufgreifen und fortführen. Retentionsmaßnahmen zur Verminderung negativer Folgen von Starkregenereignissen wurden als Teil des Maßnahmenprogramms der ZKE aufgenommen und das Programm zur weiteren Umsetzung dargelegt.

Insgesamt ist es in der Verwaltung zu einer Sensibilisierung für das Themenfeld gekommen. Die Ergebnisse des Projektes werden in weiteren Governance und Partizipationsprozessen verstetigt.

Neben diesen auch für andere Kommunen übertragbaren Ergebnisse werden auch die sich derzeit noch in Bearbeitung befindlichen Simulationsrechnungen der Wirkungen unterschiedlicher Freiraum arten, -größen und Verteilungen im Siedlungskörper wertvolle Hilfestellung für die Arbeit anderer Kommunen ergeben.

Schaubild

Schaubild Ergebnisse

Partizipationsprozesse auf Stadtteilebene

Im Stadtteil Rußhütte wurde in mehreren Bürgerversammlungen – ausgehend vom 100-jährlichen Extremniederschlagsereignisses am 9. Juni 2009, den damit verbundenen Überflutungen und (ökonomischen) Schäden – über die aktuelle Betroffenheit informiert und mit der Bevölkerung über potentielle Lösungsansätze beraten.

Neben der Erstellung von Hochwasserrisikokarten, der Durchführung einer Gewässersäuberungsaktion wurden bauliche Retentionsmaßnahmen in der Fischbachaue initiiert. Am Beispiel des Katastrophenfalls vom Juli 2009 konnte den Betroffen jedoch auch vermittelt werden, dass die öffentliche Hand keinen vollumfänglichen Schutz gegenüber diesen Ereignissen bieten kann. Die Bevölkerung ist aufgerufen, auch in Eigenverantwortung Schutzmaßnahmen umzusetzen sowie auf Verbauungen und Einengung der Bachaue im Bereich des Privatgeländes zu verzichten.

Das Thema „Hitze in der Stadt“ wurde im Rahmen eines Stadtteilforums in Alt-Saarbrücken erörtert. Über Erfahrungsberichte, auch aus anderen Städten, wurden die Teilnehmenden für die Auswirkungen des Klimawandels sensibilisiert. Städtischen Vorhaben wie die geplante Wohnbebauung am Franzenbrunnen, das Großprojekt „Stadtmitte am Fluss“, die Begrünung im Umfeld der Hochschule für Technik und Wirtschaft oder die Straßenbepflanzung in der Francoisstraße dienten als Beispiele zur Diskussion von Handlungsoptionen.

Nachfolgend zu der Veranstaltung ist ein Stadtteilspaziergang geplant, der über spezifische Informationsaufbereitung und Inszenierungen das Thema vertiefen und noch stärker die Gestaltungsmöglichkeiten im Stadtteil ansprechen soll.

Menschen