Biographie Willi Graf

Willi Graf wurde am 2. Januar 1918 in Kuchenheim bei Euskirchen als Sohn von Anna und Gerhard Graf geboren. Lesen Sie hier die Biographie des Saarbrücker Widerstandskämpfers nach.

Willi Graf – ein Saarbrücker Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime

Montenegro-Fahrt 1936 zusammen mit Freunden aus dem „Graue Orden“ (Willi Graf 3. v. re.). Quelle: Fotoarchiv Anneliese Knoop-Graf

Montenegro-Fahrt 1936 zusammen mit Freunden aus dem „Graue Orden“ (Willi Graf 3. v. re.). Quelle: Fotoarchiv Anneliese Knoop-Graf

Kindheit

Willi Graf wurde am 2. Januar 1918 in Kuchenheim bei Euskirchen als Sohn von Anna und Gerhard Graf geboren. Sein Vater leitete dort die örtliche Molkerei. 1922 siedelte die Familie nach Saarbrücken über, wo sein Vater im Johannishof, einem großen Veranstaltungshaus in der  Mainzer Straße, die Geschäftsführung übernahm.

Seine dortige Tätigkeit beinhaltete sowohl die Saalvermietung als auch einen Weingroßhandel.

Von 1924 an besuchte Willi Graf die Volksschule St. Johann. 1928, als Zehnjähriger, wurde er Schüler des Staatlichen Ludwigsgymnasiums, das er bis zum Abitur im Jahre 1937 besuchte. In dieser Zeit war er auch Ministrant in der Saarbrücker Pfarrei St. Johann. Kurz nach dem Eintritt ins Gymnasium schloss er sich einer Jugendgruppe des katholischen Schülerbundes „Neudeutschland“ (ND) in Saarbrücken an.

Jugend

Die Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935 und die Rückgliederung der Saar an das Deutsche Reich noch im gleichen Jahr bedeuteten einen entscheidenden Einschnitt sowohl in das politische und gesellschaftliche als auch in das persönliche Leben an der Saar. Die Folgen wurden unmittelbar spürbar auch für das bislang rege Treiben der Jugendbünde, Gruppierungen und Vereinigungen.

Die kirchliche Jugendarbeit wurde stark eingeschränkt, die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) und im Bund Deutscher Mädel (BDM), dem Jungvolk und den Jungmädeln für alle Jugendlichen vom zehnten Lebensjahr an Pflicht.

Nach der Zwangsauflösung der bündischen Jugendverbände trat Willi Graf dem „Grauen Orden“ bei, in dem sich konfessionell geprägte Jugendliche zusammengefunden hatten.

Willi Graf weigerte sich, der HJ beizutreten, obwohl man ihm drohte, er werde nicht zum Abitur zugelassen. Auch den von Lehrern und Eltern angeregten Eintritt nur zum Schein, um die schulische und berufliche Zukunft nicht zu gefährden, lehnte Willi Graf kategorisch ab. Wie nur ganz wenige widerstand er damit der großen Versuchung dieser Zeit.

Am 1. Februar 1937 erhielt Willi Graf dennoch sein Abitur-Zeugnis. Danach absolvierte er den Reichsarbeitsdienst in Dillingen-Saar und begann mit dem Medizinstudium in Bonn.

Ende Januar 1938 war der Gestapo die Entdeckung des „Grauen Ordens“ gelungen, hinter dem sie eine Geheimorganisation zur Zersetzung der Hitlerjugend witterte. Zusammen mit 17 Mitgliedern des „Grauen Ordens“ wurde Willi Graf vor dem Sondergericht Mannheim wegen „bündischer Umtriebe“ angeklagt und für einige Wochen inhaftiert.

Kriegseinsatz

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Medizinstudent Willi Graf als Sanitätssoldat auf verschiedenen Kriegsschauplätzen in Südfrankreich, Belgien, Jugoslawien, Polen und Russland eingesetzt. Vor allem der Einsatz an der Ostfront veränderte Willi Graf nachhaltig. Hier wurde er mit der Not und dem Leid der vom Kriegsgeschehen betroffenen Bevölkerung konfrontiert. Zudem wurde er Zeuge von Kriegsgräueln.

Am 1. Februar 1942 schrieb er nach Hause: „Ich wünschte, ich hätte das nicht sehen müssen, was sich in meiner Umgebung zugetragen hat.“ Willi Grafs Schwester Anneliese sieht hier einen entscheidenden Sinneswandel: „Auf diese grauenhafte Wirklichkeit hatte Willi Grafs Gewissen reagiert. Nicht: Es muss etwas geschehen, sondern: Ich muss etwas tun“.

Widerstand

Zur Fortsetzung seines Medizinstudiums wurde er im April 1942 zu einer Studentenkompanie nach München abkommandiert. Hier schloss er sich der „Weißen Rose“ an, einer studentischen Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl und Alexander Schmorell, in der Hoffnung, die Grausamkeit des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vorzeitig beenden zu können.

Mit Flugblattaktionen wollten sie die Bevölkerung aufrütteln und damit eine „Befreiung von innen“ bewirken. Im Sommer 1942 musste die Arbeit unterbrochen werden. Willi Graf, Hans Scholl und Alexander Schmorell wurden erneut an die Ostfront abkommandiert.

Nach ihrer Rückkehr im November wurde die Widerstandstätigkeit der „Weißen Rose“ erheblich ausgeweitet. Ganz unter dem Eindruck der Katastrophe von Stalingrad nahmen die Aktivitäten der „Weißen Rose“ im Februar 1943 zu, gleichzeitig nahmen sie eine entscheidende Wende hin zum Spektakulären. In der Nacht zum 4. Februar 1943 schrieben Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf an die Wände der Münchner Universität und an weitere Gebäude in München Widerstandsparolen: „Freiheit“, „Hitler, der Massenmörder“, Nieder mit Hitler“.

Stalingrad gab auch den Anstoß zu einem weiteren Flugblatt, das bezeichnenderweise nicht mehr unter dem Namen der „Weißen Rose“ verfasst wurde, sondern den Titel „Flugblatt der Widerstandsbewegung in Deutschland“ trug.

Es sollte das letzte sein. Am 18. Februar 1943 warfen Hans und Sophie Scholl Exemplare dieses Flugblattes in den Lichthof der Münchner Universität. Dabei wurden sie verhaftet. Am Abend des gleichen Tages wurden auch Willi Graf und seine Schwester Anneliese in ihrer gemeinsamen Münchner Wohnung am Englischen Garten verhaftet. Nur vier Tage später wurden die Geschwister Scholl verurteilt und hingerichtet.

Verurteilung und Hinrichtung durch die Nationalsozialisten

Willi Graf wurde jedoch nicht sofort hingerichtet. In Verhören hoffte die Gestapo, von Willi Graf die Namen der anderen Mitglieder der „Weißen Rose“ zu erfahren und Informationen über weitere „konspirative Zirkel“ zu erhalten.

Willi Graf schwieg acht Monate lang, um nicht das Leben seiner Mitstreiter zu gefährden. Er rettete damit vielen Gleichgesinnten, auch denen aus Saarbrücken, das Leben, sei es auch nur dass sie Zeit bekamen, belastendes Material wie Waffen, Vervielfältigungsgeräte oder Flugblätter zu vernichten.

In seinen letzten Briefen aus dem Gefängnis schrieb er: „Mit dem Tod beginnt erst unser wahres Leben, diese Gedanken sind mir immer schon vertraut gewesen. ...Sage allen meinen letzten Gruß, sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben.“

Ein Gnadengesuch der Eltern wurde von Hitler persönlich abgelehnt. Am Nachmittag des 12. Oktober 1943, nach 250 Tagen quälender Haft, wurde Willi Graf in München-Stadelheim hingerichtet. Er wurde mit einem Fallbeil enthauptet. Willi Grafs Schwester Anneliese wurde nach viermonatiger Haft wieder entlassen. Die Eltern Willi Grafs wurden in Saarbrückern verhaftetet. Sie verbrachten vier Wochen in Untersuchungshaft.

Am 4. November 1946 wurden die sterblichen Überreste Willi Grafs auf den alten Friedhof Saarbrücken-St. Johann überführt.

Ehrungen Willi Grafs in seiner Heimatstadt Saarbrücken

Willi Graf ist in seiner Heimatstadt Saarbrücken nie vergessen worden. Wenn es um die Thematik „Widerstand gegen das NS-Regime“ ging oder geht, wurde und wird sein Name immer zuerst genannt, obwohl all die vielen anderen nicht vergessen sein sollen, so Johanna Kirchner, Josef Wagner, Fritz Dobisch, Richard Kirn und vielen mehr.

Nach Willi Graf sind in Saarbrücken zwei Schulen benannt. Im Stadtteil St. Johann trägt eine Straße seinen Namen. Seit dem 10. September 2013 heißt die untere Berliner Promenade von der Congresshalle bis zum Beginn des Stadens Willi-Graf-Ufer.

Sein Grab auf dem alten Friedhof St. Johann wird durch die Stadt Saarbrücken gepflegt. Alljährlich wird an seinem Todestag, dem 12. Oktober, dort ein Kranz mit weißen Rosen niedergelegt. Am Johannishof in der Mainzer Straße, dem Ort, an dem er viele Jahre seiner Kindheit und Jugend verbrachte, wurde am 12. Oktober 1990 eine Gedenkplatte für Willi Graf angebracht.

Am 12. Oktober 2003 wurde Willi Graf posthum zum Saarbrücker Ehrenbürger ernannt. Am 21. Juni 2004 wurde eine durch Spenden finanzierte Büste im Treppenaufgang des Rathauses St. Johann eingeweiht. 2010 wurde ein viel beachteter Film veröffentlicht, der das Leben Willi Grafs nachzeichnet: „Willi Graf – Zivilcourage und Widerstand“.